Interview Dr. Claus-Erich Boetzkes - Teil 1

Get the Flash Player to see this player.
Screencap vom 1. Teil des Interviews mit Claus-Erich Boetzkes

 

TEIL 1: Dr. Claus-Erich Boetzkes über Nachrichten und ihre Wirkung auf ihn als Moderator; seine Mediennutzung – persönlich und im Beruf

Was verbinden Sie mit dem Wort Nachrichten?

Boetzkes:
Zunächst mal viel Arbeit – und zum Zweiten, wenn man das wie ich über viele Jahre gemacht hat, viele traurige Ereignisse. Ereignisse, die einem auch über Jahre noch im Kopf bleiben.

 

Die Dinge, die Sie im Fernsehen präsentieren, wirken nach? Das bleibt bei Ihnen verankert?

Boetzkes:
Es bleiben die Dinge verankert, über die man berichtet. Ich habe die Sondersendung gemacht, als das ICE-Unglück in Enschede war. Ich war später in Enschede und habe mich mit Leuten unterhalten, die dabei vor Ort waren. Wenn man das von der ersten Minute, mit der Eilmeldung, mit dem Alarmton zusammen, erfährt und dann hinterher mit den Menschen redet, die das erlebt haben und die Bilder im Kopf hat: Das bleibt haften. Ich habe den 11. September 2001 gemacht, als Moderator in dieser Zeit. Das bleibt bis heute sitzen, das war fast traumatisierend. Ich habe über das Unglück berichtet, als der Transrapid auf den Werkstattwagen raste. Das sind Dinge, die vergisst man nicht, die prägen.

 

Erlebt man diese Tage, an denen man über solche Unglücke berichtet – jede Stunde und Sekunde – intensiver?

Boetzkes:
Ja, das ist so.
 

 

Dass man sich nicht nur an die Nachricht selbst erinnert, sondern wirklich genau, was man wann wie gemacht hat?

Boetzkes:
Ich kann ziemlich präzise sagen, was ich schrieb, als die erste Alarmmeldung kam. Ich kann ziemlich präzise sagen, welche Meldungen ich wie verlesen habe. Das ist einfach –  ja, wie eingebrannt.

 

Ganz allgemein: Welche Medien nutzen Sie, sowohl privat als auch beruflich?

Boetzkes:
Ich bin vielleicht sehr atypisch, weil ich in meinem Beruf natürlich den ganzen Tag die Nachrichtenagenturen laufen habe. Ich bin also im Prinzip über die meisten Dinge längst informiert, bevor es in den Medien steht. Ich habe den ganzen Tag Fernsehen laufen, ich sehe alle Überspielungen, die aus dem Ausland und aus dem Inland kommen. Ich selbst, privat, bin deshalb bei meiner Mediennutzung sehr atypisch. Ich lese sehr viel Zeitung. die Süddeutsche, FAZ, die Financial Times, die Zeitschriften – Spiegel und so weiter. Und ich lese viele Bücher. Und ich sehe, wenn ich frei habe, nur wenig fern. Die Nachrichten natürlich und die eine oder andere Dokumentation, aber kaum Unterhaltendes. Ich bin da einfach so überreizt und übersättigt, dass ich es nicht brauche. Und das Internet nutze ich vorwiegend, um zu recherchieren, um Information zu suchen oder einen Flug zu buchen und solche Dinge zu tun.

 

Woran denken Sie, wenn Sie die Worte „Individualisierte Nutzung der Medien“ [Übergeordnetes Thema des Medienforum Ilmenau 2008, Anm. dir. Rede] hören?

Boetzkes:
Ich denke in erster Linie an das Internet. Und ich denke daran – ich sehe das auch bei meinen Kindern –  wie sich jeder seine Medienwelt dort zusammenstellt. Der Eine, der Filme runter lädt und Musik; der Nächste der sich gezielt im Studium seine Informationen sucht; wieder Andere, die sich bei Portalen wie „i-news“ jeden Tag aus verschiedenen Internetangeboten informieren.

 

Nutzen Sie selbst auch derartige individuelle Angebote? Speziell im Internet?

Boetzkes:
Ja. Das Internet wie gesagt, um Informationen zu suchen. Nachrichten schaue ich mir im Internet nicht an, die habe ich im Überfluss.

 

Es ist aber nicht so, dass Sie sich im Beruf über das Internet sehr stark informieren?

Boetzkes:
Doch, ja natürlich.

 

Also auch zu Recherchezwecken?

Boetzkes:
Ja. Um ein Beispiel zu nennen, wir hatten neulich das Problem WestLB – kann man sagen: Westdeutsche Landesbank? Nein, kann man nicht mehr sagen, weil sich dieses Institut verändert hat. Das waren natürlich Dinge, die konnte man noch eine Viertelstunde vor Sendungsbeginn im Internet recherchieren. Das Internet ist auch bei uns in der Redaktion inzwischen ein wichtiges Recherchemittel.

 

Aber ist das nicht auch ein bisschen gefährlich? Manchmal sind ja auch die Quellenangaben diffus – man weiß gar nicht, woher die Information kommt. Es verbreiten sich teilweise Falschmeldungen. Bewegt man sich da nicht in gewisser Weise auf Glatteis?

Boetzkes:
Wir würden natürlich keine aktuellen oder strittigen Sachverhalte im Internet recherchieren. Aber zum Beispiel die Schreibweise eines Namens. Wenn ich die Homepage habe, dann sehe ich natürlich, wie derjenige selbst seinen Namen schreibt; oder wie er sich beruflich bezeichnet; oder bei einem Unternehmen, wie das firmiert und mit welchem Logo.

 

Und bei Sachinformationen verlassen Sie sich eher auf Nachrichtenagenturen?

Boetzkes:
Nachrichtenagenturen und natürlich Telefon. Anrufen und Nachfragen, das ist nach wie vor das bewährte Mittel.

 

Sie haben ja schon angedeutet eher Bücher zu lesen und lieber den Fernseher auch mal aus zu lassen. Liegt das am Angebot?

Boetzkes:
Am Anfang, als das Fernsehangebot in die Breite ging, habe ich relativ viel gesehen, weil mich natürlich auch interessierte, was machen die Privaten, welche Angebote gibt es da. Inzwischen stelle ich fest, es dreht sich, es ist eigentlich immer das Gleiche. Ich brauche heute, wenn ich mir einen Film anschaue, nur den Anfang. Nach zehn Minuten weiß ich, wie der Hase läuft – und dann sage ich, ach nee, lass uns Ausschalten. Und dann lese ich lieber etwas.

 

Also finden Sie Bücher vielfältiger? Da könnte man etwas überspitzt ja auch sagen: Hat man eins gelesen, kennt man alle.

Boetzkes:
Es ist natürlich unendlich vielfältiger. Vor allen Dingen habe ich beim Buch meine eigenen Bilder. Das Fernsehen kanalisiert mich so stark, ich muss das nehmen, was da gebracht wird – oder ich schalte aus. Dazwischen gibt es nichts. Beim Buch lese ich, rede manchmal mit meiner Frau darüber, wenn mir was auffällt. Wir diskutieren über eine Passage oder ich denke darüber nach. Ich habe Bilder dabei, Assoziationen – und das habe ich beim Fernsehen nicht. Im Fernsehen nutze ich vorwiegend die Nachrichten.

© 2011 Medienforum Ilmenau. Alle Rechte vorbehalten (zuletzt geändert am 11.06.08 13:55).