TEIL 2: Dr. Claus-Erich Boetzkes über das Fernsehen, ergänzende Angebote im Web und gesellschaftliche Auswirkungen einer zunehmend individualisierten Mediennutzung.
Woran glauben Sie liegt es, dass auch öffentlich-rechtliche Sendeanstalten ihre Sendungen zum Download im Internet zur Verfügung stellen?
Boetzkes:
Also ich denke, wenn jemand eine Dokumentation verpasst hat und hat dann die Möglichkeit, sich das noch einmal runterzuladen – dann ist das einfach ein schöner Service.
Und das ist dann auch im Sinne des Programmauftrags?
Boetzkes:
Man muss es mal so sehen: Jeder von uns bezahlt seine Rundfunkgebühren. Und ich finde es einen Service, dass eine Anstalt, die ja von uns allen Geld dafür bekommt, dass sie für uns alle Inhalte produziert, sagt: Wir senden die Inhalte zu einer bestimmten Zeit; und wenn jemand zu dieser Zeit nicht in der Lage ist, das anzusehen, dann bieten wir im Internet die Möglichkeit, das später nachzuholen. Das hat nicht direkt mit dem Programmauftrag zu tun, sondern das ist einfach – ja, ein Service.
Wenn der Rezipient selbst gestaltet, wie es ihm zeitlich am besten passt: Ist das klassische Konzept des Fernsehens dann einfach auch veraltet?
Boetzkes:
Ich denke, nein. Es wird so sein, wie es immer war: Die Medien verdrängen sich nicht, sondern ergänzen sich. Und das herkömmliche, ganz normale Fernsehen hat natürlich einen großen Charme. Ich weiß, zu einer bestimmten Zeit – Samstagabend, wenn ich mich entspannen will, 20 Uhr 15, schalte ich ein, da kommt irgendwas. Um 20 Uhr kommen Nachrichten und wenn ich nach Feierabend um 17 Uhr anmache, kommen auch Nachrichten. Es gibt sicherlich Tagesabläufe, die so unstrukturiert sind, dass diese Menschen sehr froh sind, zu ihrer Zeit sich Inhalte abrufen zu können. Aber für den Rest ist es doch unendlich angenehm: Ich habe eine feste Zeit, das strukturiert meinen Tag; und da finde ich das, was ich brauche und dann ist es gut.
Also sehen Sie sich auch noch nicht Nachrichten auf Band produzieren – bereit für den Abruf?
Boetzkes:
Das fände ich furchtbar langweilig. Nachrichten im Fernsehen, die aufgezeichnet sind, sind abgestanden. Insofern wird der Weg eher sein, dass man irgendwann einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal hat – was ich gut fände, wofür ich sehr argumentiere. Wo ich 24 Stunden, wann ich will, live meine Information bekomme, stets aktualisiert. Ich denke das wäre ein vernünftiges Angebot.
Oder dass man unterschiedliche Angebote macht, dass sich die Nachrichten zum Beispiel hinsichtlich der Länge in Fernsehen und Internet differenzieren? Das würden Sie auch nicht präferieren?
Boetzkes:
Doch, das fände ich gut. Dass Sie einen Nachrichtenkanal haben, der sozusagen die Nachrichten in der kurzen, prägnanten Form bringt und im Internet die vertiefende Variante. Wo dann das Interview nicht 90 Sekunden, sondern vielleicht fünf Minuten dauert, wo mehr Informationen und Hintergrund transportiert werden.
Ja, ein interessantes Szenario.
Boetzkes:
Man muss sich das im Grunde wie ein Wurzelwerk vorstellen. Die herkömmlichen Nachrichten sind der Baumstamm und dann nach unten, je nach Interesse, verzweigt es sich immer weiter. Und wer ganz viel zu einem Thema wissen möchte, der ist dann eben bedient mit der größtmöglichen Verzweigung.
Bei der Frage „Individualisierte Nutzung der Medien – Ende der Massenkommunikation?“ [Thema der Podiumsdiskussion, Anm. dir. Rede] bietet es sich förmlich an, ein Krisenszenario anzulegen. Könnte es sein, wenn sich wirklich alles weg vom Fernsehen in Richtung individuelle Angebote bewegt, dass die Nachfrage an Nachrichten irgendwann ausbleiben wird?
Boetzkes:
Das schließe ich aus. Aber gesetzt den Fall, es wäre so: Das wäre dramatisch für eine demokratisch verfasste Gesellschaft. Denn wie würden Sie diskussionswürdige Themen, die in der Gesellschaft miteinander besprochen werden müssen, noch an die einzelnen Mitglieder einer solchen Gemeinschaft bringen? Jeder würde nur noch nutzen, was ihn beruflich und aus privaten Gründen persönlich interessiert. Und die überwölbenden Themen blieben auf der Strecke.
Inwieweit kann man denn auf der anderen Seite, vom Rezipienten verlangen, Informationen selbst aktiv zu suchen und zu selektieren? Muss diese Aufgabe immer verschiedenen Medien auferlegt sein?
Boetzkes:
Das würde natürlich bedeuten, dass Sie bei jedem einzelnen Rezipienten eine ganz hohe Kompetenz in diesem Bereich herbeiführen müssten. Man müsste dann in der Schule wahrscheinlich einen ausführlichen Medienunterricht anbieten, damit jeder in die Lage versetzt wäre, das eigenverantwortlich und qualifiziert zu tun. Das wäre wahrscheinlich relativ unsinnig. Es ist natürlich klüger ein paar Spezialisten zu haben, die nichts anderes den lieben langen Tag tun – und die bereiten mir das auf.
Im klassischen Fernsehen liefert die GfK [Gesellschaft für Konsumforschung, Anm. dir. Rede] mit der Messung der Quote einen wichtigen Gradmesser. Beim Internet ist so etwas – die Messung durch eine sozusagen übergeordnete Stelle – momentan nicht in Sicht. Könnte sich das positiv auf die Vielfalt des Angebotes auswirken?
Boetzkes:
Wir müssen durch die Quote wissen, wie viele Menschen zuschauen, damit berechnet werden kann, was ein Werbespot kosten darf. Wenn Sie jetzt, worauf alle Zeichen hindeuten, eine zunehmend individualisierte Werbung bekommen, weil Sie das Nutzerprofil feststellen können – und denjenigen, der sich für Autos interessiert auch ganz gezielt mit Autowerbung bedienen können; dann wird das zunehmend an Bedeutung verlieren. Die werbetreibende Industrie wird sagen: Ich brauche vernünftige Nutzerprofile. Ich will nicht mehr den Streuverlust wie bisher, sondern gezielt werben.
Ein Aspekt, der dafür spricht, dass das klassische Konzept des Fernsehens zukünftig mehr und mehr an Bedeutung verlieren wird – da Unternehmen hier dann kaum noch zu Werbeinvestitionen bereit sein werden.
Boetzkes:
Nun hören Sie auf, das Fernsehen kaputt zu reden (lacht). Sie haben natürlich Recht, es könnte für die Privatsender, die sich über Werbung finanzieren müssen, schwierig werden. Meine These ist, dass die öffentlich-rechtlichen Sender profitieren werden. Weil der öffentlich-rechtliche Sender natürlich auf die gemessene Quote nicht unbedingt so angewiesen ist. Wir könnten sagen, wir machen Programme, die qualitativ hochwertig sind. Wir bieten im Netz ergänzende Angebote. Und wer sie sich ansieht, der sieht sie sich an. Und wer nicht, der eben nicht.
Ein Diskurs in Richtung gesellschaftlicher Entwicklungen: Qualitative Information ist häufig mit Kosten verbunden. Kann das zu einer Zwei-Klassengesellschaft führen?
Boetzkes:
Ich denke, dass wir diese Zwei-Klassengesellschaft jetzt schon haben. Ich hatte die Zeitungen genannt – FAZ, Süddeutsche und so weiter. Wenn Sie täglich zwei, drei Zeitungen lesen wollen, ist das schon jetzt sehr teuer. Dann brauchen Sie noch ein Lokalblatt, damit Sie wissen, was in der näheren Umgebung los ist. Dann kommen noch die Zeitschriften dazu und wenn Sie dann noch Spezialdienste zum Beispiel im Wirtschaftsbereich nutzen, dann geht das richtig ins Geld. Diejenigen, die das nicht machen, sind definitiv schlechter informiert. Das ist so und das wird sich verschärfen; davon bin ich überzeugt.
Menschen mit entsprechend weniger finanziellen Mitteln sind nicht nur weniger vielfältig, sondern auch qualitativ schlechter informiert?
Boetzkes:
Ich bin mir nicht sicher, ob es nur am Geld hängt. Es ist einfach auch die Frage, inwieweit Sie bereit sind, für Information Zeit aufzuwenden. Wenn Sie in der Bild-Zeitung einen Artikel lesen, der 40 Zeilen hat, wissen Sie auch in groben Zügen, worum es geht. Wenn Sie richtig gut informiert sein wollen, mit Kommentar, mit Hintergrund, mit Dokumentation – dann müssen Sie sich für dieses Thema Zeit nehmen. Sich zum Beispiel die ZEIT als Wochenzeitung zu kaufen ist wahrscheinlich nicht unbedingt ein finanzielles Problem. Aber Sie müssen eben für das Zeit-Dossier auch ein bisschen Mühe aufwenden.
Es liegt also schon an der Eigenverantwortung des Rezipienten.
Boetzkes:
Das denke ich wohl.
Der Trend in Richtung individualisierte Angebote hat da keinen direkten Einfluss?
Boetzkes:
Sie können ja heute schon ganz individualisiert Medien nutzen, je nachdem, welche Medien Sie sich wie zusammenstellen. Da gibt es zum Beispiel jemand, der liest morgens die FAZ, der guckt ARTE, 3sat und die Tagesschau. Zwischendurch liest er ein vertiefendes Buch und sucht im Internet vielleicht noch ergänzende Information. Und dann haben Sie auf der anderen Seite Bruder Leichtfuß, der schaut einmal in die Bild-Zeitung, dann sucht er noch gemeinsam mit RTL den Superstar und sieht sich Nachrichten auf Pro7 an. Damit ist er glücklich und zufrieden. Und das ist natürlich eine völlig andere Informationsdichte. Aber das ist auch eine individualisierte Mediennutzung. Ich kenne Leute, die lesen nur eine Lokalzeitung – noch dazu eine relativ schlecht gemachte; und sagen dann aber: ich lese auch noch eine zweite Zeitung, weil sie sich nämlich die Bild-Zeitung zwischendurch greifen. Diese individualisierte Nutzung – das kann man heute bei dem jetzt schon vorhandenen Angebot machen. Und das Internet erweitert diese Möglichkeiten.



