TEIL 3: Dr. Claus-Erich Boetzkes über die Strukturierungsfunktion der Medien, die Sozialisation bezüglich ihrer Nutzung und allgemeine Entwicklungen in der Branche.
Sie haben gesagt, dass Sie sehr gerne Zeitung lesen. Ein Medium, das gerade bei den jungen Leuten an Relevanz verloren zu haben scheint – sie suchen ihre Informationen zunehmend im Netz. Werden auch Sie die Zeitung auf längere Sicht in dieser Weise ersetzen?
Boetzkes:
Das würde nur ich ungern tun, weil ich es außerordentlich vergnüglich finde, beim Frühstück mit einer schön greifbaren Zeitung meine Informationen raus zu suchen. Insofern denke ich, das sind auch Dinge, die nicht nur mit der reinen Information, sondern auch mit Tagesritualen zu tun haben. Darum denke ich auch, dass das herkömmliche Fernsehen seine Berechtigung hat, weil es mir den Tag strukturiert. Der Arbeitstag ist zum Beispiel um 19 oder 20 Uhr zu Ende, dann schaue ich Nachrichten und dann beginnt sozusagen der entspannte Teil des Tages. Das fällt natürlich alles weg, wenn Sie völlig individualisieren und sich alles nur noch aus dem Internet zu irgendeiner Zeit suchen. Dann fängt der Tag an, wie ein Pudding weg zu flattern. Dann müssen Sie selbst ein Korsett machen. Insofern denke ich, dass diese Strukturfunktion von Medien ein ganz wichtiger Punkt ist; den darf man nicht vergessen.
Und eben der haptische Aspekt, den Sie angesprochen haben. Eine Zeitung oder ein Buch also wirklich in der Hand zu haben.
Boetzkes:
Und wie das riecht! Ich mache die Zeitung oder die Zeitschrift auf und es riecht nach frischer Druckerschwärze. Das ist auch ein Stück Erlebnis, das gehört dazu.
Früher war es sehr umständlich sich mit dem Laptop unterwegs zu informieren. Mittlerweile ist es einfacher, alles ist geschrumpft und handlicher, so dass man die Zeitung auch unterwegs ersetzen könnte. Aber es ist trotzdem was ganz anderes, in so einen kleinen schwarzen Kasten zu starren.
Boetzkes:
Ich sehe das beim Frühstück. Da ist ein Artikel, der mich interessiert; dann reiß ich die Seite raus und lege sie mir zur Seite. Hinterher gehe ich mit dem Stabilo Boss drüber, markiere die Sätze, die ich gut fand. Nun kann man sagen, ich habe das auch im Internet, da drucke ich mir das aus. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, das wäre mir zu viel Arbeit. Und so lese ich das und denke noch mal drüber nach. Ich kann mir das ausschneiden, archivieren. Vielleicht ist das furchtbar altmodisch und verschwindet, aber ich glaube es eigentlich nicht.
Es ist auch nicht dasselbe, ob man sich später rausgerissene – vielleicht collagenartig zusammengestellte oder auf DIN A4 ausgedruckte Artikel noch mal ansieht. Ist aber wahrscheinlich auch Geschmackssache und von Person zu Person unterschiedlich.
Boetzkes:
Ja, klar. Hier stellt sich natürlich auch die Frage, wie man in der Mediennutzung sozialisiert ist. Für den, der 40 Jahre Zeitung gelesen hat, hat die Zeitung eben etwas besonders. Wenn man nie Zeitung gelesen hat, sondern nur das Internet nutzt – dann ist das die Selbstverständlichkeit.
Wird also die jüngere Generation eher nicht mehr Zeitung lesen? Wird sie dieses Ritual gar nicht mehr kennen?
Boetzkes:
Ich glaube, das hängt sehr stark vom Elternhaus ab. Meine Töchter lesen viel und gerne Zeitung. Insofern sind sie in dieser Haptik, in diesem Empfinden und Verhalten drin. Und es wird sicherlich auch Elternhäuser geben, in denen der Computer sehr viel stärker genutzt wird. Da könnt ich es mir dann durchaus vorstellen, dass die Zeitung irgendwann ein Medium ist, die keine Bedeutung für diese Leute mehr hat.
Wir sind ja gerade auch in Richtung eines Ausblickes unterwegs. Welche allgemeine Entwicklung kündigt sich im Medienbereich denn aus Ihrer Sicht an?
Boetzkes:
Ich denke da an einige Aspekte. Der erste Aspekt ist, dass die Verlage in zunehmende wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten werden – aufgrund der individualisierten Werbung. Es wird immer seltener der Fall sein, dass jemand für normale Anzeigen viel Geld ausgibt. So wird es wahrscheinlich am Schluss nur noch wenige Verlage geben, die sich halten können. Darüber hinaus ist meine These, dass die Angebote, die privatwirtschaftlich finanziert werden, in der Qualität nachlassen müssen. Denn wer Geld verdienen will, muss natürlich sehen, wie er mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Effekt erreicht. Ich persönlich sehe, was die Allermeisten weit von sich weisen würden, eine Renaissance der Öffentlich-rechtlichen. Einfach aufgrund des letztlich genialen Finanzierungssystems. Es wird eine Flatrate, eine Gebühr bezahlt, die so hoch ist, dass vernünftig produziert werden kann. Sie bekommen damit Informationen auf hohem Niveau, für die Sie schon vorher bezahlt haben. Und ich sehe ganz klar, dass natürlich das Internet in unserem Leben ein unverzichtbarer Bestandteil sein wird. Ich gehe heutzutage nicht mehr an den Brockhaus, wenn ich etwas nachsehe – da finde ich zehn Zeilen – sondern ich suche im Internet. Dort kriege ich die Information in einer Fülle, verlinkt, in allen Varianten. Das ist eine fabelhafte Entwicklung und Bereicherung.
Der gedruckte Brockhaus wird ja jetzt eingestellt…
Boetzkes:
Nach letzter Information soll er doch weiter geführt werden – und zwar vermutlich aus einem ganz witzigen Grund. Da ging es offenbar vielen Leuten ähnlich wie mir. Als ich las, dass das eingestellt werden soll, habe ich zu meiner Frau gesagt: Die letzte Ausgabe kaufen wir uns noch mal, das wird etwas ganz besonderes. Und viele haben das wahrscheinlich genauso getan. Jetzt sagt der Verlag – Mensch, läuft doch gut, so viele wollen den Brockhaus, wir drucken ihn weiter. Ich glaube, dass das schlichtweg eine Fehlentscheidung ist. Ein gedrucktes Lexikon kann heute nicht mehr so viel bieten – das mag noch so liebevoll und aufwändig gemacht sein. Das Internet verhält sich zum Lexikon leider wie ein landwirtschaftlicher Karren im Vergleich zu einem Rennauto.
Verfolgen Sie das mit ein bisschen Wehmut?
Boetzkes:
Ich sehe es anders. Ich habe noch ein ganz altes Lexikon von 1908 und eines von 1991. Für geschichtliche Dinge ist das wunderbar. Etwas zu den alten Griechen oder irgendeine Bezeichnung, das steht da drin. Aber für alles, was halbwegs aktuell ist und sich entwickelt hat, ist das Lexikon natürlich völlig unbrauchbar.
In der Podiumsdiskussion wird es um die Frage „Individualisierte Nutzung der Medien – das Ende der Massenkommunikation?“ gehen. Glauben Sie denn, dass es zu einem Ende der Massenkommunikation wirklich kommen wird?
Boetzkes:
Nein. Ich glaube, dass unsere Massenkommunikation spannender werden wird. Und für den, der sich wirklich darin versteht, das Angebot zu nutzen, wird sie auch sehr viel reichhaltiger. Ich finde, dass wir auf eine ganz schöne Zeit zu laufen. Dass jeder ganz einsam an seinem Computer sitzt, kein Gesprächsthema mehr finden wird, weil er sich um Dinge kümmert, die andere Leute gar nicht kümmern – daran glaube ich nicht. Ich denke, wir kriegen die Massenkommunikation wie bisher. Nur bunter, vielfältiger und interessanter.
Also Sie sind doch eher positiv gestimmt, was die individualisierte Mediennutzung betrifft?
Boetzkes:
Wie gesagt, als negativen Aspekt sehe ich, dass die potenten Verlage, die die Medienlandschaft heutzutage sehr bereichern, weniger werden. Dadurch tritt natürlich – ich will nicht sagen eine Verarmung, aber eine Verengung des Informationsangebots in den Printmedien ein. Wir werden auf der anderen Seite im Bereich des Internets eine starke Erweiterung bekommen. Aber am Ende werden wir natürlich weiterhin potente Massenmedien haben. Und wenn Sie sich Untersuchungen anschauen, was im Internet genutzt wird, stellt sich heraus, dass es auch wieder nur zehn Internetadressen gibt, die in großer Zahl rezipiert werden. Also auch im Internet entwickeln sich Angebote, die massenhaft genutzt werden. Massenkommunikation ist eine Faszination an sich, weil sie Thematisierungsfunktion hat. Die Faszination des gemeinsamen Gesehen-oder Gelesen-habens und darüber reden zu können, die bleibt bestehen. Das ist ein menschliches Bedürfnis.
Vielen Dank für das Interview.
Das Gespräch führte Marianne Gruschke.



